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philosophie.asiain.de » Aktuell

Archive for the ‘Aktuell’ Category.

Willkommen

Herzlich willkommen auf meiner Hochschul-Website! Gemäß dem Motto „ich blogge, also bin ich“ möchte ich auf dieser Seite aus gegebenen Anlässen über aktuelle Entwicklungen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft reflektieren und freue mich über Ihre Rückmeldungen.

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Der ontologische Schuldenabbau

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Die in ihrem Ausmaß erst allmählich zutage tretende globale Krise der Finanzbranche hat schon zum jetzigen Zeitpunkt eines deutlich gemacht: Vergleicht man das weltweite Banken- und Kreditgewerbe beispielsweise mit der Welt der Märchen, so kann man feststellen, dass deren Spielregeln oftmals ein höheres Maß an „Realität” aufweisen als es in dem scheinbar so seriösen und nüchternen Geschäft des Geldvermehrens - und, wie man nunmehr eindrucksvoll erleben durfte, auch Geldvernichtens - der Fall ist. Natürlich muss die Phantasie in der Welt des schönen Scheins oftmals den meist unter Blitz und Donner erscheinenden deus ex machina oder die gute Fee bemühen, um unheilvolle Schicksalsschläge oder fehlgeleitete Entwicklungen zu korrigieren. Doch wo im einen Fall eine irreale Macht erscheint, um segensreich zu wirken, erlebten wir im anderen gerade umgekehrt das Verschwinden einer bislang ganz real erscheinenden Größe, die, weder von guten noch von bösen Feen gebremst, das gesamte politische, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen rund um den Globus bestimmte und lenkte: des Kapitals in seiner nahezu kosmischen Rotationsgeschwindigkeit.

Die Bilanz der aktuellen Krise hat jedoch gezeigt, dass es mit der Realität dieses universalen Mediums scheinbar seine ganz eigene Bewandtnis hatte, worauf die mediale Öffentlichkeit entsprechend instinktsicher reagiert und der Welt der Hochfinanz die „Realwirtschaft” entgegengesetzt hat. Daraus darf man umgekehrt folgern, es im Falle des Banken- und Kreditwesens mit einer „Irrealwirtschaft” (IRRWI) zu tun zu haben. Diese Einsicht mag im Grunde, wie so vieles andere auch, auf die alten Römer zurückzuführen sein. Doch deren Grundsatz „pecunia non olet” reflektiert ja lediglich den Umstand, dass es sich bei dem Medium des Geldes gewissermaßen nur um die sublimierten Exkremente eines ursprünglich in höchst realer Währung - etwa den fröhlich vor sich hin stoffwechselnden Viehherden - vollzogenen Tauschgeschäftes handelt. Dass dieser Sublimationsprozess bis hin zur aktuellen IRRWI das Kapital Stadien von einer ursprünglich noch mittelbar der realen Welt verbundenen Geruchslosigkeit, über eine soziologisch schon bedenkliche Eigenschaftslosigkeit, bis hin zu einer ontologisch höchst problematischen Existenzlosigkeit durchlaufen lassen würde, hätten sich die antiken Vordenker des bargeldlosen Verkehrs aber sicher nicht träumen lassen. Insofern wurde die aktuelle Krise sprachlich auch ein wenig unangemessen plastisch mit dem Platzen einer Blase beschrieben, wo doch, siehe oben, die Zeiten schon lange vorbei waren, da das Kapital am Gasvolumen im Darmtrakt des jeweiligen Zahlungsmediums gemessen werden konnte.

Was uns die Finanzkrise vielmehr vor Augen führte - d. h. eigentlich ja umgekehrt den Blicken entzog - war ein ungeheures Ausmaß an Geld, welches teils plötzlich nicht mehr existierte, teils noch nie existiert hatte: im Kern also - um mit Heidegger zu reden - ein gigantisches Nichts, welches in seinem Nichten das Sein zu vernichten im Stande war. Der Umstand, dass mit nicht vorhandenem Kapital Geschäfte getätigt wurden, die tatsächlich existierendes Kapital vermehren sollten, mutet im Nachhinein nun doch wieder märchenhaft an. Und wie im richtigen Märchen beeilten sich weltweit die politischen dei ex machinis - in Deutschland traditionsgemäß die gute Fee - mit ihrerseits märchenhaften Summen den Prozess jener oben skizzierten Sublimation zu korrigieren. Um sich quasi selbst zu suggerieren, dass diesmal ein finanziell reales Sein in Milliardenhöhe wese, statt im spekulativen Nichts zu nichten, sprach die mediale Verbreitung dieser Rettungsaktionen stets vom „In-die-Hand-nehmen” der entsprechenden Milliarden. Würde man dies wörtlich verstehen, wären die involvierten Finanzpolitiker sicher nicht zu beneiden. Andererseits könnte sie jedoch ein Verdacht nicht treffen, welcher der staatlichen Macht beispielsweise in Hans Christian Andersens Märchen von „Des Kaisers neuen Kleidern” anhing: „Er hat ja gar nichts an!”

Dieses - im realen Märchen durch Kindermund geäußerte - Urteil desavouiert im Grunde die gesamte Zunft der „Experten” und medialen Mitläufer sowie die Spielregeln eines sozialen Kommunikationssystems, in dem die Angst, sich eine Blöße zu geben, zur Ursache tatsächlicher Blöße wird. Die beiden Betrüger im Märchen verstehen das soziale Prinzip des Dazu-gehören-Müssens und sein Pendant, das Risiko der Exklusion, meisterhaft zur Grundlage eines Systems der Pseudokommunikation zu machen, in der die beiden Scharlatane die einzigen medialen Instanzen sind: Was als Sein oder Schein zu gelten hat, bestimmen ausschließlich die Spielregeln, die diese beiden selbst gesetzt haben, ohne freilich ihrerseits diesen Regeln unterworfen zu sein. Denn sie unterliegen nicht dem sozialen Druck jenes Systems, da sie sich sowohl innerhalb als auch außerhalb seiner Grenzen bewegen und diese selbst noch einmal flexibel zu gestalten in der Lage sind. Ihre Eulenspiegelei entlarvt ein System, in dem es wichtiger ist, als „Kenner” oder „Versteher” zu gelten, denn die Spielregeln dieses Systems selbst zu erkennen bzw. in Frage zu stellen.

Im traditionellen Märchen wird dieses System der Pseudokommunikation zum Schluss durch die banale Feststellung aus dem Reich der Realität - „er hat ja gar nichts an” - niedergerissen. In der modernen Märchenwelt der IRRWI hingegen offenbart die Blöße nicht etwa ein aus Scham uneingestandenes Skandalon, sondern ein den „realen” Spielregeln entsprechendes Handlungsschema: Im System der Leerverkäufe, der „Short-positions”, „Futures” und „Options”, die in den verschiedensten Hedgefondsgeschäften getätigt werden, gilt ein Portfolio, das „gar nichts an hat” als Normalfall. Ja, es eröffnet überhaupt erst die Option der ontologisch reizvollen „Creatio ex nihilo”. Der Gewinn dieser Creatio ergibt sich aus der Differenz zwischen einem Wert, den ich zum Zeitpunkt x noch nicht besitze, und demjenigen, den ich - nach seinem Verkauf - zum Zeitpunkt y nicht mehr besitze. Dieser Handel mit dem realen Nichts, das durch die Option auf eine Wertsteigerung respektive einen Wertverlust in der Zukunft zum virtuellen Sein mutiert, brachte den Jongleuren der IRRWI ähnlich viel „Gold und Seide” ein wie den betrügerischen Schneidern im Märchen von des „Kaisers neuen Kleidern”. Im Einsteinschen Raum-Zeit-Kontinuum rotiert das Kapital eben nicht nur ohne räumliche Begrenzung, sondern vermochte durch seine börsengesteuerte „Gravitationskraft” auch die Ordnung der Zeit aufzuheben: Gewinne wurden aus einer spekulativen Zukunft bilanztechnisch in die Gegenwart „gebeamt”; die einzukalkulierenden Verluste derselben umgekehrt einfach auf eine zukünftige „Umlaufbahn gebracht” - und alle freuten sich des schönen, wenn auch frisierten, Finanzmotors, der die Welt am laufen hielt.

Doch selbst in der relativsten aller Welten droht am Ende ein Verglühen der hellen Sterne, droht das „schwarze Loch” - jetzt in Form der „bad banks”, die, wie im christlichen Passionsgeschehen, alle finanztechnischen „Sünden” der IRRWI auf sich nehmen sollen. Es fragt sich nur, wie sich auf diese Weise ein österliches Erlösungsereignis vollziehen soll. Indem man die toxischen Papiere konzentriert, sodann komprimiert und schließlich - in einem hochsicheren Castor - nach Gorleben transportiert, um sie dort „auf ewig” zu entsorgen? Das Problem hierbei besteht nämlich darin, dass im ontologischen Sinne nicht nur die „Creatio ex nihilo” ein überaus schwieriges Unterfangen ist, sondern auch umgekehrt das „Elabi ex oculis”, das Verschwinden ins Nichts. Man sollte zwar meinen, was der wundersamen Geldvermehrung recht war, sollte der Begleichung der Schulden billig sein. Doch in einem ontologisch dermaßen brisanten Zusammenhang muss leider auf die Probleme verwiesen werden, die sich in der Auseinandersetzung mit Sein und Nichts, mit Existenz und Nicht-Existenz stets ergeben.

Um dies zu veranschaulichen, ein Beispiel: Was als „Ontologischer Gottesbeweis” in die Geschichte der Philosophie eingegangen ist, korrespondiert recht augenscheinlich mit der hier in Rede stehenden Problematik. Der mittelalterliche Philosoph Anselm von Canterbury glaubte, die Existenz Gottes aus seiner Idee ableiten, also durch eine logische Schlußfolge ein „reales Sein” „beweisen” zu können. Sein Ansatz besagte, dass die Idee Gottes (= „dasjenige, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann”) mit sich selbst in Widerspruch geraten müßte. Denn als bloßer Gedanke führte sie notwendig zu einem infiniten Regress: Diese unendliche Kette von Gründen und Folgen, die dem relativ „Höchsten” rein gedanklich ein stets wieder „Höheres” beimessen könnte, ließe sich nur durch eine vom Denken selbst gesetzte Barriere vermeiden, die - eben weil vom Denken selbst gesetzt - somit jedoch notwendig „höher” stünde als die in der Idee Gottes verankerte Vorstellung des Höchsten, Absoluten selbst. Dieser Widerspruch innerhalb einer rein konzeptionellen Annahme der Absolutheit Gottes führt Anselm zu der Vorstellung, Gott als das Unendliche, Absolute, Unüberwindliche müsse notwendig existieren, wenn es nicht qua Reflexion doch wieder als endlich, relativ, überwindlich analysiert werden soll. Einfach gesagt: Der Superlativ in der Vorstellungskapazität der Idee Gottes impliziere dessen reale Existenz. Ein logisch-ontologischer Winkelzug, den bereits einige von Anselms Zeitgenossen nicht mitmachten. Schließlich war es der nüchterne Immanuel Kant - und später der noch nüchternere Gottlob Frege -, der diesen Gedankengang ins Reich der logischen Märchen verbannte, indem er lapidar konstatierte, dass „Existenz” kein Prädikat sei, das man einem Subjekbegriff, wie eine beliebige Eigenschaft, beimessen könne. Der ontologische Gottesbeweis stelle letztlich lediglich einen Zirkelschluss bzw. eine Tautologie dar, da er bewiesen zu haben glaube, was er lediglich als Prämisse voraussetze.

Für unseren Zusammenhang der IRRWI folgt jedoch umgekehrt, dass auch ein ontologischer Schuldenabbau nicht funktionieren kann. Analog dem Anselmschen Denken mag dem Gebaren der IRRWI die Absicht zugrunde gelegen haben, Schulden durch ihre gleichsam ontologische Verminderung ins Nichts verschieben zu können. Etwa nach dem Motto: Wenn eine entsprechende Schuldenlast nur durch diverse Verschreibungen, Umschichtungen, Leerverkäufe oder - wie es in der Fachsprache für Geldanlagen heißt - Diversifikationen in unendlich kleine Einheiten parzelliert worden wäre, verschwände sie gleichsam von selbst. Im Sinne Anselms: Dasjenige, worunter nichts Kleineres mehr gedacht werden könne, müsse notwendig inexistent sein. Das Problem ist nur, dass sich Kants Verdikt auch auf das mutmaßliche Denkmuster der IRRWI übertragen lässt: Auch „Nicht-Existenz” ist kein Prädikat!

Diese Einsicht hätte sich allerdings auch durch einen Blick auf das berühmte Zenonsche Paradoxon mit Achilles und der Schildkröte gezeigt. Denn der ungleiche Wettlauf zwischen diesen beiden wird nicht etwa dadurch entschieden, dass Achills Geschwindigkeit, bei entsprechendem Vorsprung der Schildkröte, den prinzipiell infinitesimalen Prozess der relativen Distanzüberwindung außer Kraft setzen würde. Vielmehr demonstriert das Beispiel aus der Antike schlicht die mathematische Einsicht, dass auch eine unendliche Reihe von Summanden eine endliche Summe darstellen kann. Peinliches Resümee: Der Schuldenberg wird weder durch räumliche, noch durch zeitliche Diversifikation kleiner oder gar abgebaut. Das Nichts, das in den Leerverkäufen und Short Positions noch als dienstbarer Geselle der IRRWI zuhanden war, rächt sich auf diabolische Weise: Das Kapital nichtet, die Schulden jedoch, die man gerne kollateral zunichte gemacht hätte, wesen weiterhin im Reich des harten Seins. Und in diesem werfen sie eben jene Zinsen ab, die man sich vom nichtenden Kapital versprochen hatte. Denn sie steigen. Und mit ihnen auch der Kreis der „share holder”. Denn diese negativen Zinsen erbt der Staat, erben wir und vererben sie künftigen Generationen. In diesem Sinne leistet der ontologische Schuldenabbau am Ende doch jene „Creatio ex nihilo”, die der IRRWI verwehrt blieb: Es entstanden über Nacht Schulden, wo vorher keine waren, und jedem künftigen Staatsbürger wird schon ein pränatal überzogener Dispokredit in die Wiese gelegt. Aber rote Zahlen leuchten ja auch viel schöner.